Gestern habe ich etwas merkwürdiges erlebt. Ich ging nachmittags, wie eigentlich jeden Dienstag, in die Uni um mein Politikwissenschaftsseminar zu besuchen.
Draußen traf ich dann auf eine Freundin, die wie folgt ein Gespräch anfing.
Miss X: "Hallo, wie geht's dir?"
Ich habe daraufhin kurz überlegt, was ich ihr antworte und fing an zu sprechen.
Nur dann passierte etwas, was ich wirklich merkwürdig und ungewohnt fand. Sie hörte mir gar nicht zu und fiel mir direkt ins Wort um zu erzählen, was sie beschäftigt.
Ich finde das an sich gar nicht schlimm. Ich spreche sowieso nicht so gern über mich, sondern höre gern anderen Menschen zu. Trotzdem war das ganze irgendwie komisch.
Das brachte mich dann dazu über die Worte "Wie geht's dir?" nachzudenken. Diese Frage stellt einen vor genau 2 Möglichkeiten: 1. Man antwortet ehrlich und erzählt, was einen wirklich beschäftigt. 2. Man antwortet irgendwas.
Leider gerät die erste Möglichkeit immer mehr in den Hintergrund. Das ist einerseits schade, da man so die Tiefe in seinen Gesprächen verliert. Andererseits ist das wahrscheinlich auch normal, weil man ja nicht immer sein Herz auf dem Gang in der Uni ausschütten kann.
Dennoch sollte man eine Frage nicht nur stellen, um sie dann direkt für sich selbst neantworten zu können. Oder doch?
Hättet ihr das Verhalten von Miss X als negativ empfunden?
14 Kommentare:
"Hallo, wie geht's dir?" ist in der Regel wirklich keine Ernst gemeinte Frage nach dem Befinden, sondern eine konvetionalisierte Gesprächseinleitefloskel. Ein hofliches Erkunden nach dem Befinden erfordert eine höfliche, also nicht unbedingt ernet gemeinte Erwiederung zwischen "gut" und "gehts so", nicht aber etwa "schlecht".
Du kannst das in etwas vergleichen mit "Kannst du mal das Fenster zu machen." Das ist zwar dem Äußeren Bild nach eine Frage, der Inhalt ist aber eine Aufforderung, hier wird nicht nach deiner Fähigkeit, ein Fenster zuzumachen, gefragt.
So sind sie halt, die Sprachkonventionen ;-)
ganz ehrlich, ich mag diese frage nicht. bald jeder small talk wird damit begonnen, aber niemand nimmt diese Frage ernst. ICh weiß nie wie es mir geht. Tausend gedanken in meinem Kopf die ich nicht erklären kann. "gut" wäre gelogen in den meisten fällen und auch viel zu ungenau. ICh habs ne weile versucht, den leuten in meiner Umgebung diese Frage abzugewöhnen. hat nicht geklappt.
Bin da auf Wilhelms Seite, muss aber sagen, dass es mir relativ egal geworden ist. Ich antworte je nach Person ehrlich oder ausweichend.
Ansonsten empfinde ich deine beschriebene Situation so wie Citara. Es ging ihr wahrscheinlich nur darum, dass Gespräch irgendwie einzuleiten.
Schliess mich da auch Citara an, wobei es von deiner Miss X echt unhöflich ist, dir ins Wort zu fallen, da du ja nicht nur mit ner Antwortfloskel auf die Fragefloskel reagierst. Dann muss man in den sauren Apfel beissen und seine 'Bedürfnisse' erstmal hinten an stellen.
Meint ihr, dass solch ein Verhalten zum Verfall der zwischenmenschlichen Beziehungen führt?
Nein. Abgesehen vom Wortabschneiden ist das wie gesagt ganz normal und konventionell in unserem Sprachverhalten verankert.
Interessierte am Wesen von Dialogen sollten mal einen Blick in "Einführung in die Gesprächsanalyse" von Henne/Rehbock werfen, oder sich mit Sprechakttheorie beschäftigen ;-)
Ich habe ebenfalls festgestellt, dass "Wie geht's Dir" zu einer Floskel geworden ist. Ich antworte stets mit "gut". Nur bei engen Freunden antworte ich wahrheitsgemäß. Das ist leider irgendwie amerikanischer Standard geworden.
@Patrick: Es kommt darauf an, welche zwischenmenschlichen Beziehungen du meinst? Von dir und ihr? Ein solches Verhalten generell bei allen Menschen?
Du müsstest allerdings sowieso konkrete objektive Maßstäbe finden, mit denen du zwischenmenschliche Beziehungen misst, um damit festzustellen, ob sich etwas zum Schlechten verändert oder auch für wen zum Schlechten.
Es ist eine sehr ungenaue Frage.
Wenn zum Beispiel jeder so handeln würde, dann wäre ein solches Verhalten nicht verwerflich und würde auch nicht zu einem Verfall der zwischenmenschlichen Beziehungen führen.
@Citara: Unser Sprachverhalten ist ein sich ständig ändernder Kosmos, der mit fast jeder Generation neu erfunden wird. Da wäre ich vorsichtig mit Verallgemeinerungen.
@ Henry
Dem kann man nur zustimmen =)
Aber: Einleiteredewendungen gab es schon immer. Nur weil z.B. dem "Guten Tag, wie geht es Ihnen?" ein "Wie geht`s" gewichen ist (je nach persönlicher Nähe), ändert sich das Prinzip nicht.
Es ist das gültig, was alle Sprachteilnehmer tun - und das tun wir ^^
@Citara: Vielleicht wird es in Zukunft zum Standard, dass man auf eine Frage nach dem Wohlbefinden komplett verzichtet. Dann verändert sich aber auch sehr wohl das Prinzip der Begrüßungsformel. Anstatt einem "Hallo, wie geht's?" benutzt man dann zum Beispiel ein "Hallo, na, was machst du so gerade?" um in ein Gespräch einzusteigen.
Oder man verzichtet generell auf eine einleitende Frage und erzählt sofort vom Geschehen, das einen beschäftigt. Dadurch verringert sich die Einleitung auf eine Intejektion gepaart mit einer Aussage: "Hi, ich muss dir unbedingt etwas erzählen! Es ist so, dass ..."
Nur wie erkundigt man sich denn dann demnächst nach dem Befinden seiner Mitmenschen?
Es kommt natürlich auf den Kontext an, aber du kannst sehr wohl auch weiterhin "Wie geht es dir?" fragen.
Aber natürlich steht dir zur Abwechslung auch "Geht es dir gut?", "Läuft alles bei dir?", "Fühlst du dich wohl?" oder "Ist alles okay?" zur Verfügung. Es gibt da wie immer sehr viele Varianten.
Ich meinte aber auch gar nicht, dass die Frage komplett verschwindet, sondern eher, dass auf sie als Standardfrage am Anfang verzichtet wird.
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